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Sieben Jahre bilingual

Ein Rückblick

Nach sieben Jahren denkt man sich: 'Mann, wir haben es geschafft, wir haben unser bilinguales Abitur in der Tasche'. Aber wenn man auf die Jahre zurückblickt, war man sich doch nicht immer so sicher, ob dieser Tag auch wirklich kommen würde. Und schaut man zahlenmäßig auf den verbliebene Kurs, dann fällt die Bilanz, wenn man ehrlich ist, eher nüchtern aus: 10 von ehemals 32 Schülern sind den Weg bis ganz zum Ende mitgegangen. Trotzdem würde ich auch nicht nur eine Sekunde sagen, dass ich die Entscheidung bereue, oder dass ich irgendjemandem davon abraten würde. Die Gründe dafür liegen für Außenstehende vielleicht nicht immer auf der Hand.

In der 7.Klasse fing der ganze Spaß an. Mitte der 6. Klasse hörte man auf einmal Begriffe wie 'Differenzierung', 'Deutsch-Kunst', oder 'Mathe-Latein'. Es war Zeit für die erste große Entscheidung auf dem Gymnasium. Bilingual, das war für viele ein Traum. Viel Englisch sprechen und das auch noch in den überwiegend beliebten Sachfächern Erdkunde, Politik und Geschichte. Was konnte da schon schief gehen? Doch schon damals schwangen auch Mahnungen mit: Bilingual, dass 'sei viel Arbeit' und 'nur was für leistungsstarke Schüler'. Aber hatte man erst einmal die Empfehlung vom Englischlehrer in der Tasche, vergaß man bald auch die angeblich lernintensive Zukunft.

Doch das Problem war nach den Sommerferien aktueller denn je: Die bilinguale Klasse kam erstmals in ihrer Besetzung zusammen - und die Freude wurde erst einmal wieder etwas gedämpft. Eigentlich wünschte sich jeder insgeheim, wieder in seine alte 6. Klasse zurückkehren zu dürfen. Wo war plötzlich die doch so wichtige und von Lehrern immer und immer wieder gepushte Klassengemeinschaft hin? Es bildeten sich viele kleine Grüppchen, die nach einigen Berührungsängsten zum Krieg gegeneinander aufzurufen schienen. Das Problem der beginnenden Pubertät dürfte jedoch in keiner anderen neu gebildeten Klasse anders gewesen sein. Auch schulisch war Bilingual tatsächlich nicht wenig anspruchsvoll. Obwohl zunächst nur Erdkunde auf Englisch unterrichtet wurde, gab es neben dem neu einsetzenden Französisch, nun auch noch Erdkunde Vokabeln zu den Themen 'tropical rainforest' und 'hot deserts' zu lernen - und das nicht zu knapp.

Das Handtuch schmiss nach dem ersten Jahr, obwohl sicherlich einige mit dem Gedanken gespielt haben, jedoch so gut wie keiner. Das Lernmuster setzte sich in der 8. Klasse weitgehend fort: Das sprachliche Basiswissen wurde in Englisch vermittelt und das Fachvokabular, sowie fachspezifische Arbeitstechniken kamen in den Sachfächern hinzu. Und zu denen zählte neben Erdkunde nun auch Politik. Der Fokus lag in Politik in der 8. Klasse auf der Analyse und Auswertung von Statistiken und der Versprachlichung dieser. In Erdkunde wurden die in der 7 begonnenen Themenkomplexe weitergeführt.

Nach dem Klassenlehrerwechsel in der 9. Klasse, bemerkte man auch eine Verschiebung der Ansprüche. Und die hießen auch im darauf folgenden Jahr hauptsächlich: Referate, Referate, Referate. Nach einiger Zeit war man regelrechter Experte in der Erstellung einer professionellen Powerpoint Präsentation und war mit Begriffen wie 'eye contact' oder 'free speaking' bestens vertraut. In Englisch war das Grundwissen weitestgehend abgeschlossen, Grammatik wurde kaum noch behandelt. Stattdessen wurde nun an Formulierungen gefeilt und der Erstellung des perfekt aufgebauten Textes gearbeitet. In Erkunde befasste man sich mit komplexeren und zunehmend auch politischen Themenbereichen, wie z.B. der Europäischen Union. Außerdem kam mit Geschichte das letzte Sachfach hinzu, in dem besonders die Analyse von historischen Quellentexten gefragt war.

In der zehnten Klasse blieben die Ansprüche zu großen Teilen gleich. Erkunde fiel weg, dafür kam das in der 9. Klasse weggefallene Fach Politik wieder hinzu. Dort beschäftigte man sich hauptsächlich mit dem Vergleich der beiden politischen Systeme Deutschland/Amerika. In den letzten beiden Jahren der Mittelstufe verließen ein paar Schüler die Klasse, teils weil sie sich den Anforderungen nicht mehr gewachsen sahen, teils aus sozialen Gründen. Doch neben den schulischen Veränderungen, kam eine vielleicht viel ausschlaggebendere, Veränderung hinzu: Die längst verloren geglaubte Klassengemeinschaft war plötzlich wieder da. Man merkte, dass die Lerngruppe über die Jahre enger zusammengewachsen war und dass diese Gemeinschaft eigentlich nur Vorteile mit sich brachte. Besonders in den Differenzierungskursen wurde schnell klar, dass bilinguale Schüler ein weitaus besseres Lernverhalten an den Tag legten und Aufgaben effektiver bearbeiten konnten. Wer hätte Anfang der 7 gedacht, dass sich Anfang der 11 doch wieder die meisten in die bilinguale Klasse zurückwünschten.

Nachdem die Wahl schließlich auf Erdkunde gefallen war und (nur) noch zehn Schüler übrig geblieben waren, erfuhr man schnell die Vorteile solch einer kleinen Lerngruppe. Gearbeitet wurde weitgehend selbstständig und weitaus effektiver und interessierter als je zuvor. Man merkte plötzlich, dass alles was man in den vorherigen Jahren gelernt hatte, in den letzten zwei Jahren der Oberstufe zusammenlief: Themenbereiche, Arbeitstechniken, sowie Methoden. Was jedoch jenseits von bilingual auffiel, war, dass die verbliebenen und ehemaligen Schüler auch in anderen Fächern weitaus weniger Schwierigkeiten hatten, als so mancher nicht-bilingualer Mitschüler. Die Selbstständigkeit, die sich die meisten in 7 Jahren bilingual angeeignet hatten, übertrug sich auch auf andere Fächer und war so definitiv von Vorteil. Besonders deutlich waren die Unterschiede bei der Strukturierung von Texten und der Vorbereitung von Referaten sichtbar.

Heute würde wahrscheinlich keiner mehr sagen, dass er es bereut hat in der 7 bilingual gewählt zu haben, auch wenn der Spaß besonders in den ersten Jahren vielleicht teilweise etwas auf der Strecke geblieben ist. Deshalb auch der Appell, bei aufkommenden Schwierigkeiten nicht gleich aufzugeben, sondern sich durchzubeißen. Rückblickend stellt bilingual viel mehr als nur eine attraktive Zusatzqualifikation auf dem Abiturzeugnis dar. Es schult einen in einer Lern-und Arbeitsweise, die im späteren Leben sicherlich nur hilfreich sein kann und zusätzlich in einer Sprache, die global zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Elisabeth B., Abitur 2009