Sportunterricht als bilinguales Sachfach?Ein Unterrichtsversuch zum Thema 'Introduction to Baseball'Das Fach Sport gehört sicherlich nicht zu den klassischen bilingual unterrichteten Fächern. In den letzten Jahren hat sich jedoch ein verstärktes Interesse an bilingualem Sportunterricht entwickelt, das sich sowohl in einer steigenden Anzahl von Aufsätzen in Fachzeitschriften spiegelt als auch in einer häufigeren Thematisierung in der zweiten Phase der Lehrerausbildung. Es ist fast verwunderlich, dass das Fach Sport nicht schon früher diese Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, weist der Sportunterricht doch einige strukturelle Merkmale auf, die ihn für eine bilinguale Unterrichtung geradezu prädestinieren. Als günstige Grundvoraussetzungen werden häufig die dem Sportunterricht inhärente Betonung des affektiven Bereichs sowie die positive Grundeinstellung der Schülerinnen und Schüler genannt. Darüber hinaus bietet der Sportunterricht eine vollkommen unterschiedliche Lernumgebung im Vergleich zu anderen Fächern. Die Sitzordnung wird aufgegeben. Turnhalle, Schwimmbad oder Sportplatz bieten Gelegenheiten zu sozialen Interaktionen, die im Klassenzimmer in dieser Form kaum möglich sind. Die Schülerinnen und Schüler erhalten zu jeder Zeit direkte Rückmeldungen über ihr Handeln. Inhalte des Sportunterrichts sind authentisch und häufig nah an den Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler. Sport ist ein handlungsorientiertes Fach, das durch seine körperliche und materielle Anschaulichkeit weniger auf sprachliche Kommunikation angewiesen als zum Beispiel geisteswissenschaftliche Fächer. Taktile und visuelle Verstehenszugänge machen es den Schülerinnen und Schülern leichter, dem Unterrichtsgeschehen zu folgen, auch wenn die sprachlichen Kompetenzen Schwierigkeiten bereiten könnten. Aus diesem Grund wird immer wieder die Eignung des Faches Sport als bilingualem Anfangsunterricht im Rahmen bilingualer Zweige hervorgehoben. Die Schülerinnen und Schüler können dort erste positive Erfahrungen im Gebrauch der Fremdsprache außerhalb des klassischen Fremdsprachenunterrichts sammeln. Da weiterhin die Inhalte des Faches Sport im Vordergrund stehen und die Fremdsprache lediglich als Arbeitssprache genutzt wird, entfällt der gewohnte Bewertungsdruck, so dass ein unbefangenes, angstfreies Gebrauchen der Fremdsprache gefördert wird. Von alltäglicher Kommunikation bis hin zu hochspezialisierter Fachsprache kann der Sportunterricht eine breite Palette authentischer Sprechanlässe bieten. Am Landrat-Lucas-Gymnasium fand im Schuljahr 2007/2008 ein Unterrichtsversuch zum Thema bilingualer Sportunterricht statt. Ein Sportlehrer der Schule hat in Zusammenarbeit mit einer Praktikantin von der Universität zu Köln die Unterrichtsreihe "Introduction to Baseball" vorbereitet, durchgeführt und ausgewertet. Die Reihe im Umfang von vier Doppelstunden fand in einem Basketballkurs des elften Jahrgangs statt und folgte dabei dem Konzept, fremdsprachliche Einheiten in zeitlich und thematisch begrenzten Modulen in den muttersprachlichen Unterricht zu integrieren. Ziel war es, für diese Zeit jede sprachliche Kommunikation im Unterricht auf Englisch zu gestalten, das heißt neben den Unterrichtsgesprächen auch die alltagssprachlichen Situationen, die sich im Sportunterricht immer wieder ergeben. Die didaktische Ausarbeitung der Unterrichtsreihe folgte in erster Linie den Anforderungen, die das Zielspiel Baseball an die Schülerinnen und Schüler stellt. Es ging darum den Jugendlichen Bewegungserfahrungen in einem für sie unbekannten Spiel zu ermöglichen, technische und taktische Fertigkeiten zu vermitteln sowie das Beschreiben und Korrigieren von Bewegungen zu verfeinern. Besonders in diesem dritten Bereich kommt der Rolle der Fremdsprache größte Bedeutung zu, geht man doch davon aus, dass das durch den Gebrauch der Fremdsprache verursachte Fremdheitsgefühl eine tiefere und bewusstere Durchdringung der Inhalte zur Folge hat. Das Beschreiben und Korrigieren von Bewegungen ist sicherlich eine zentrale Fähigkeit, die der Sportunterricht vermitteln möchte. Dies stößt jedoch immer wieder auf größere Schwierigkeiten, weil prozedurale Gedächtnisinhalte (d.h. die Erinnerung an unbewusst erlernte (Bewegungs-) Fertigkeiten) nur sehr schwer zu versprachlichen sind. (Versuchen Sie mal jemandem zu erklären, was Sie genau machen, wenn Sie Fahrrad fahren!) Durch die bewusste Beschäftigung mit fremdsprachlichen Begrifflichkeiten soll nicht zuletzt ein Transfer in den muttersprachlichen Unterricht ermöglicht werden. Während der vier Doppelstunden folgte die Entwicklung des Zielspiels Baseball dem sogenannten spielgemäßen Konzept, d.h. vereinfachte Spielformen, die immer wieder durch Übungsphasen unterbrochen werden, führen schrittweise zu immer komplexeren Spielsituationen. Das Kennenlernen und Einüben der verschiedenen Technikelemente fand in der Regel in Gruppenarbeitsphasen statt, deren Ergebnisse dann im Plenum präsentiert werden mussten. Als Beispiel für eine solche Gruppenaufgabe können die folgenden Abbildungen dienen, die Teil einer Aufgabe waren, bei der mehrere Bilder der [hitting sequence] in die richtige Reihenfolge gebracht und die dazugehörigen Bewegungsbeschreibungen zugeordnet werden mussten. Vor der sich anschließenden Übungsphase wurden die einzelnen Phasen der Schlagsequenz von den Gruppen im Plenum präsentiert und Unklarheiten ausgeräumt.
Batting Stance
The batter has taken the ready position. A slightly crouched position with the weight carried on the balls of the feet. Hold your hands at height of your shoulder. Your front shoulder points in the direction of the pitcher. Die Präsentation der Ergebnisse in der Fremdsprache Englisch stellte für die Schülerinnen und Schüler keinerlei Problem dar, da sie mit dem angebotenen "language support" über ausreichend Formulierungshilfen verfügen konnten. Das Ziel jedoch, auch alle Arbeitsphasen in der Fremdsprache stattfinden zu lassen, ist nicht voll erreicht worden. Die Kleingruppen wechselten in den Arbeitsphasen immer wieder einmal zurück zu Deutsch, zumal die Kontrolle in der Sporthalle deutlich schwieriger ist als im Klassenraum. Die beiden Lehrkräfte gewannen jedoch den Eindruck, dass sich dies sehr einfach mit einigen vorgeschalteten Einheiten verhindern ließe, die der Schaffung eines entspannten Arbeitsklimas dienen und Angst vor Bewertung und Scham abbauen würden. Diese Zuversicht spiegelte sich auch in den Ergebnissen einer Befragung mittels Fragebogens wider, den die Schüler am Ende des Projektes ausfüllten. Hier bestätigten sich nicht nur die Grundannahmen bezüglich der positiven Grundeinstellung zum Sportunterricht und zur Fremdsprache Englisch (94,5% der Schülerinnen und Schüler bewerteten die Aussage "Ich gehe gerne zum Sportunterricht" mit "trifft eher zu" bzw. "trifft völlig zu", bei "Ich höre und spreche gerne Englisch" waren es 90%), sondern auch die Erwartung der Schülerinnen und Schüler, dass bilingualer Sportunterricht zu einer Verbesserung ihrer Fremdsprachenkenntnisse führen könnte (81%). Zu der offenen Frage "Welche Vorteile siehst du darin, Sport auf Englisch zu unterrichten?" wurde besonders häufig die Verbesserung der Sprachkenntnisse genannt ("Den Wortschatz auf Bereiche zu erweitern, die im normalen Englischunterricht nicht behandelt werden." "Das Fach Englisch durch Bewegung und Spaß besser zu erlernen.") Aus Sicht der Fremdsprachendidaktik scheint Sportunterricht also einige interessante Möglichkeiten bieten. Besonders bei einer engen Zusammenarbeit von regulärem Fremdsprachenunterricht und bilingualem Sportunterricht könnten diese Potentiale sicherlich voll ausgenutzt werden. Dem Fremdsprachenunterricht käme dabei die Rolle zu, die sprachlichen Grundlagen zu legen, die dann im Sportunterricht in entspannter Atmosphäre und in zum Teil alltagssprachlichen Situationen erprobt werden könnten. Problematisch würde diese Rollenverteilung, wenn der Sportunterricht damit zum Instrument der Fremdsprachendidaktik werden würde. Das Konzept des "Content and Language Integrated Learning" sieht eine Planung und Organisation des Unterrichts aus Sicht des ursprünglichen Sachfaches vor. Nicht der Fremdsprachenerwerb, sondern die Inhalte des Sachfaches sollen im Vordergrund der Überlegungen liegen. Wie also kann der Sportunterricht vom Gebrauch einer Fremdsprache als Arbeitssprache profitieren? Auf Grundlage der Erkenntnisse aus der Literatur und unter Berücksichtigung der in der Praxis gemachten Erfahrungen lassen sich drei deutliche Vorteile für den Sportunterricht formulieren. Die erste hat mit der schon genannten Bewusstmachung von Bewegungsabläufen zu tun. Das Verstehen von Bewegungsanweisungen, Bewegungskorrekturen und Bewegungsbeschreibungen ist sicherlich in allen Inhaltbereichen des Sportunterrichts eine Grundkompetenz. Hier könnte der Gebrauch einer Fremdsprache und das damit verbundene Fremdheitsgefühl zu einem sehr viel tieferen und bewussteren Umgang mit Bewegung führen. Beschreibungen von Bewegungen hören sich schon auf Deutsch häufig so an: "Dann machst du den Arm so….und das Bein so irgendwie." Dabei versuchen die Schülerinnen und Schüler die ungenauen Beschreibungen durch noch ungenauere Demonstrationen zu ergänzen. Begriffe wie Schulter, Ellbogen, Handgelenk und Wörter, die ihre Lage im Raum sowie ihr Verhältnis untereinander beschreiben, werden praktisch nicht verwendet. Diese Begriffe stehen den Schülern zur Verfügung, sie gebrauchen sie aber nicht angemessen. Der Gebrauch der englischen Begriffe könnte zu einem positiven Transfer führen, indem er nämlich das vorhandene, aber ungenutzte Vokabular im Deutschen aktiviert und die schwierige Versprachlichung von Bewegungsabläufen schult. Ein zweiter möglicher Vorteil für den Sportunterricht ist der mit bilingualem Unterricht verbundene verstärkte Materialeinsatz. Gerade in der Kombination mit den eben genannten Bewusstwerdungsprozessen könnte der Sportunterricht von fremdsprachlichen Materialien profitieren. Im Sportunterricht könnten vermehrt auch kulturelle Aspekte eine Rolle spielen. Dies ist der dritte Bereich, wie Sportunterricht durch fremdsprachliche Anteile an Qualität gewinnen könnte. Ein großer Teil der sogenannten Trendsportarten, aber auch große Sportspiele wie Basketball kommen aus den USA oder spielen dort eine größere Rolle als bei uns. Das Fachvokabular (fast break, pick and roll etc.) stammt zu einem großen Teil schon aus dem Englischen und wird von den Schülern auch genutzt. Diese Bereiche auf Englisch zu unterrichten würde einen Gewinn an Authentizität bedeuten. Wirkliche Potentiale würden sich ergeben, wenn solche Inhalte in Zusammenarbeit mit anderen Fachlehrerinnen und Fachlehrern in großangelegten Projekten bearbeitet würden. So könnte man sich Projekte vorstellen, die sich mit (afro)amerkanischer Jugendkultur befassen. Im Englischunterricht könnten Phänomene wie die Verbindung von Streetball, Lifestyle und HipHop-Kultur behandelt werden. Der Sport würde dann die praktische Seite dazu liefern. Streetball und die Entwicklung von eigenen HipHop-Moves würde im Sportunterricht sicherlich auf sehr große Zustimmung und Motivation seitens der Schülerinnen und Schüler stoßen. Ergebnis wäre ein fächerübergreifendes, vernetztes Wissen mit großen Anteilen an Handlungs- und Erfahrungsorientierung. mWAR Interessante Links:
[1] http://www.landrat-lucas.de/bilingual/module/module_sport-sii-baseball-material_2009.html |