Bild: Ralf Krieger

Schülerinnen des Landrat-Lucas-Gymnasiums als Can-Can-Balletteusen. Auch die Frühzeit des Gymnasiums zwischen 1906 und 1919 wird in der Revue thematisiert.

Schön, so schön war die Zeit



Zwischen Beklemmung und Befreiung: Das Landrat-Lucas-Gymnasium zeigt die „Jahrhundertrevue“.

„Lächeln, Mädchen lächeln, dann seid ihr so schön.“ Charlotte Bernards muntert ihre Mädels auf. Die haben den Rhythmus des Can-Can zwar in den Füßen und werfen die Beine ganz schön hoch, doch das fröhlich-befreiende Gekreische der Grisetten bleibt ihnen noch im Halse stecken. Das wird schon noch, schließlich war am Freitagmorgen die Generalprobe. Da durfte noch alles Mögliche schiefgehen.

Wenn heute, am Montag, die Premiere der „Jahrhundertrevue“ in der Aula der Landrat-Lucas-Schule über die Bühne geht, dann ist eines gewiss: Die Spannung, die über den Szenen liegt, packt die Zuschauer. Theater, Tanz, Musik und Kunst stecken die vergangenen 100 Jahre ab - es ist die Zeitspanne, in der das Landrat-Lucas-Gymnasium Generationen von Schülern geprägt hat. Zu Beginn, 1906, womöglich auch als jene autoritäre Lehranstalt, wie Frank Wedekind sie im Stück „Frühlingserwachen“ bitter-satirisch vorführte, und die eines der vielen Theaterensembles so eindringlich nachspielt. Lässig räkelt sich dann vor den Augen jener doppelmoralischen Herren Pädagogen der blaue Engel, den Lisanne Maibücher, von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, singt.

Gestische Klammern zwischen den unterschiedlichen Textstellen und der entsprechender Musikauswahl verdichten die Revue. Denn die Lehrerszene erinnert auch an „Professor Unrat“ von Heinrich Mann, nach dessen Roman Josef von Sternberg den Film mit Marlene Dietrich „Der blaue Engel“ drehte.

Kriege und Not

Im ersten Teil der Show, die mit dem Jahr 1946 endet, liegt mehr Beklemmung denn Feierfreude über den Szenen. Das ist ungeschönte Geschichte. Denn die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von zwei Weltkriegen, von wirtschaftlicher Not, von Diktatur. Darüber kann auch die Glitzerwelt der Goldenen Zwanziger nicht hinwegtäuschen. Natürlich fehlt die kesse Charleston-Einlage nicht. In den Lesungen aus Tagebuchausschnitten und Feldpostbriefen aus den Jahren des Ersten Weltkrieges hat Elisabeth Rosenfelder ihrem Großvater ein Denkmal gesetzt. Eine Sequenz stammt aus seinen Aufzeichnungen. Beide Lehrerinnen, Charlotte Bernards und Elisabeth Rosenfelder, waren sich sofort einig, eine Geburtstagsschau auf die Beine zu stellen, als Schulleiter Heinz Klaus Strick zum ersten Mal das Schuljubiläum erwähnte. Mehrfach haben sie gemeinsam Stücke produziert. Die Revue wird die letzte Arbeit dieses regieführenden Dream-Teams sein, denn Charlotte Bernards ist schon seit Anfang des Jahres pensioniert: „Dafür hat mein Mann unsere Ferien verschoben.“ Das „dafür“ hat sich gelohnt. Zumal nicht nur Ausschnitte aus bekannten Stücken zu sehen sind, aus Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“, etwa, sondern auch Raritäten erklingen. Esther Mukenge singt das Chanson „Monsieur le Président“, das der französische Autor und Jazzmusiker Boris Vian als Aufruf zur Wehrdienstverweigerung geschrieben hat. In seinem Heimatland war das Stück bis Ende der 50er Jahre verboten.

Die deutsche Schlager-Parade aus den 50ern nach der Pause - herrlich, das Trio mit Frederike Kaltheuer, Max Kresse und Lisanne Maibücher - wendet die Beklemmung in Befreiung, allerdings geht der ironische Grundton auch hier nicht verloren: „Schön, schön war die Zeit“ - wer's glaubt. Voller Witz stecken die Eigenproduktionen der verschiedenen Musik-, Tanz- und Theater-Kurse. Mehr als 100 Schülerinnen und Schüler wirken mit. Eine Jahrhundertrevue fürwahr. Und Hut ab vor dieser riesigen Gesamtleistung, die den geschärften Blick auf die Vergangenheit nicht verliert und in der vorletzten Nummer skeptisch-amüsiert in die Zukunft blickt.

Aufführungstermine der Jahrhundertrevue:

Premiere: Montag, 6. März, 19.30 Uhr
Weitere Aufführungen:
Dienstag, 7. und Donnerstag, 9. März, zur gleichen Zeit in der Aula des Landrat-Lucas-Gymnasiums.