Die Geschichte, die heute, im November 2010, zu erzählen ist, fängt bereits ein Jahr früher an, im November 2009. Fleißige Leser der LLG-Veröffentlichungen erinnern sich vielleicht an unseren damaligen Artikel. Wir hatten mit Radio LLG den Bürgermedienpreis 2009 gewonnen, die höchste Auszeichnung, die man für Schulradio in unserem schönen Land ergattern kann.
Und ich, Ulrich Wintersohl, einer der beiden Leiter von Radio LLG, weiß noch, wie stolz wir damals waren. Dieser Preis war unser Aufstieg in die Bundesliga der Schulradiomacher.
Aber wie das eben so ist mit dem Ruhm: Irgendwann kehrt der stinknormale Alltag wieder zurück: Die Urkunde hängt an der Wand und wird kaum noch beachtet. Die Skulptur, unser so toller Oscar, verstaubt in der Ecke des Studios. Und das Preisgeld - immerhin 1000 Euro - ist auch ausgegeben. Das neue Aufnahmegerät, das wir uns dafür leisten konnten, hat schon die ersten Kratzer.
Radio LLG ist natürlich weiter auf Sendung, und jeden Freitagabend um 21.04 h gibt es Schulradio aus Opladen auf der 107,6. Der Winter weicht dem Frühling, das Schuljahresende rast heran. Die Schuljahresabschluss-Sendung ist noch einmal ein Anlass, an unseren tollen Preis zu erinnern, und mein Kollege, Dr. Timo Stiller, der andere Radiolehrer der Schule, sagt es allen, die uns über Antenne oder weltweit im Internet hören können: "Ulli, toll, dass wir diesen Preis im vergangenen Schuljahr gewinnen konnten."
Und damit war dann nicht nur das Schuljahr 2009-2010 Geschichte, sondern unser toller Preis wohl auch.
Nicht ganz, denn manchmal wiederholt sich die Geschichte doch. Natürlich gibt es für das Jahr 2010 auch wieder einen Bürgermedienpreis. Und ich denke mir in den Sommerferien: "Ach nee, lass es einfach. Du gewinnst doch nicht noch einmal. Und so toll waren die Sendungen des vergangenen Schuljahrs nun auch wieder nicht!". Ich rufe meinen Kollegen und Freund Timo Stiller an, erkläre ihm, dass wir keine preiswürdige Sendung haben, dass das alles sowieso keinen Sinn hat und dass wir uns, wenn wir doch etwas einreichen, nur blamieren werden. "Ulli, was ist los mit dir? Sommerdepression? Lass dich nicht hängen! Was ist denn mit dieser Migranten-Sendung?", tönt es motivierend aus dem Telefonhörer. "Okay, okay, okay; ich überleg mal", nuschele ich zurück und lege den Hörer auf.
Aber das stimmt ja wirklich, sage ich mir, der alte 12er-Kurs, die waren doch gar nicht so schlecht. Kübra Ekici und Eda Aybey z. B., die hatten doch monatelang an ihrer Sendung Integration von jungen türkischen Migranten in Leverkusen gearbeitet und sogar eine Leverkusener Moschee besucht und den damaligen nordrhein-westfälischen Integrationsminister Armin Laschet interviewt.
Ich schneide also ein bisschen an der Sendung herum, brenne eine CD, wie es die Ausschreibungsbestimmungen für den Bürgermedienpreis 2010 vorschreiben, nehme das amtliche Anmeldeformular und schreibe:
"Wir halten den Beitrag für preiswürdig, weil ...
• über ein aktuelles Thema berichtet wird, das in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erhalten hat;
• die Wirklichkeit in unterschiedlichen Facetten dargestellt wird;
• die Darstellung zwar die Sicht der Betroffenen - der Migranten - ins Zentrum rückt, aber auch andere Sichtweisen berücksichtigt;
• deutlich wird, wie sehr die Schülerinnen selbst mit dem Thema ringen;
• der Hörer dazu angeregt wird, selbst zu werten und Stellung zu beziehen;
• der Beitrag von den Schülerinnen und Schülern von der Themenfindung bis zur sendefähigen Realisierung völlig eigenständig erarbeitet wurde."
Gut, geschafft, endlich; Kollege Timo wird zufrieden sein und Ruhe geben. Gewinnen werden wir eh nicht. Das Thema ist viel zu ernst und umstritten. Aber es merkt ja keiner, wenn wir nichts gewinnen. So denke ich erleichtert und sage mir, dass jetzt die Sommerferien richtig beginnen können.
Der berühmte israelische Schriftsteller Ephraim Kishon nannte seine Frau die "beste Ehefrau der Welt". Und die betritt jetzt die Bühne: natürlich nicht Frau Kishon, nein, meine beste Ehefrau der Welt. Und sagt: "Hör mal, was ist denn mit dem Bürgermedienpreis 2010. Schon was eingereicht?" - "Ja, erledigt." - "Doch sicher die tolle Fußballsendung, über die ich so gelacht habe, oder?" Super, denke ich mir, jetzt auch noch ein guter Rat von Laien, die keine Ahnung von Radio haben, aber alles besser wissen. Aber wie Ephraim Kishon weiß ich natürlich, dass ich den Rat der besten Ehefrau der Welt schnell befolgen sollte. Denn wenn ich es nicht tue, wird sie keine Ruhe geben, bis ich es tue. Dann kann ich es ja gleich machen; vielleicht gibt's ja dann doch noch richtige Sommerferien für mich.
Der Radiokurs Klassenstufe 8 des Schuljahres 2009-2010
Die Sendung, die meine Perle meint, ist eine Sendung, die die Kleinen, der Radiokurs aus der Klassenstufe 8, produziert haben. Die wollten unbedingt 'ne Fußball-Sendung zur WM in Südafrika machen. Ja, ganz lustig, die Umfrage wirkt völlig irrsinnig: Die fragen doch tatsächlich, ob die CDU oder die SPD Weltmeister wird. Und bekommen darauf auch noch Antworten. Aber technisch - und überhaupt. Die Sendung ist irgendwie völlig blödsinnig.
Und die Schüler? Einfach noch zu klein! Das sind doch keine Preisträger.
Egal, ich mach es: Ich schneide also ein bisschen an der Sendung herum, brenne eine CD, wie es die Ausschreibungsbestimmungen für den Bürgermedienpreis 2010 vorschreiben, nehme das amtliche Anmeldeformular und schreibe:
" Die Sendung beginnt ganz bieder und normal - mit Interviews. Aber dann treffen die Hörer auf recht unterschiedliche Persönlichkeiten, die jeweils ihren persönlichen Zugang zum Fußball offenbaren: den inkompetenten Interviewer, der Frankreich und Italien verwechselt und unverschämte Fragen stellt; den fanatischen Fan, der die Holländer hasst; den Jungen, der lieber ein gutes Verhältnis zur Moderatorin hat, als sich für Fußball zu interessieren; und das Mädchen, das überhaupt nicht weiß, worum es geht...
Wir halten den Beitrag für preiswürdig, weil ...
• über ein aktuelles Thema berichtet wird, das zur Zeit der Ausstrahlung die öffentliche Aufmerksamkeit dominierte;
• Fanatismus entlarvt wird;
• der Ernst des Großereignisses Fußball-WM zwar deutlich, aber auch ironisiert wird;
• der Beitrag von den Schülerinnen und Schülern von der Themenfindung bis zur sendefähigen Realisierung völlig eigenständig erarbeitet wurde."
Endlich, jetzt habe ich wirklich Sommerferien!
Das neue Schuljahr beginnt mit dem gewohnten Elan: Es gibt viel zu tun, wir packen es an, neue Radiokurse, Anfänger und Fortgeschrittene, die Computer stürzen ab, mal wieder keine Batterien für die Aufnahmegeräte, der Drucker spinnt noch immer, Sendung erst auf den letzten Drücker fertig, Schüler wie üblich motiviert und chaotisch - also Radio wie immer.
Der Herbst liegt in den letzten Zügen, kalt ist es geworden. An einem grauen Novembertag schaue ich in mein Postfach und sehe das, was ich schon letztes Jahr gefunden habe. Eine Einladung zur Preisverleihung. Sieht aber ein bisschen anders aus als letztes Jahr. Ist ja auch für 2010.
Sollten wir etwa wieder gewon...? Quatsch, die eine Sendung war zu ernst, die andere einfach nur blöd. Damit gewinnt man keinen Preis! Die Einladung gibt's ja nur deshalb, weil Timo Stiller und ich nicht nur Lehrer, sondern auch noch Medientrainer Hörfunk sind. Abhaken!
Zwei Tage später: Déjà-vu! Zettel im Postfach: "Herr Wintersohl, Sie sollen bitte Herrn Sander von der Landesanstalt für Medien anrufen. Dringend!"
Ich rufe natürlich sofort an. Déjà-vu! "Herr Wintersohl, Sie sind für den Preis nominiert. Herzlichen Glückwunsch! Ich sage natürlich nicht, ob Sie was gewonnen haben. Aber nominiert sind Sie." - "Mit welcher Sendung?" - "Mit der Fußballsendung natürlich. Also wissen Sie, ich bin ja ein ganz großer Fußballfan." - "Aha!".
Mit der blöden Fußballsendung? Bei der Migrantensendung hätte ich es ja vielleicht verstanden. Aber die Fußballsendung? Die ist doch so blöd! Das alles denke ich mir und sage zu mir selbst, dass eine Nominierung ja auch was ist. Wie viele weltberühmte Schauspieler sind nie für den Oscar nominiert worden! Nominierung, das ist schon was.
Ich benachrichtige also sofort die vier beteiligten Schüler, gratuliere brav, heuchele Begeisterung und ermahne sie: "Wir sind nominiert. Das ist eine große Ehre und ein toller Erfolg! Gewinnen werden wir nix!" - "Jaja, ist schon okay!", höre ich mir an.
Mein Schulleiter, Herr Bramhoff, ist ein begeisterungsfähiger Mensch und auch als Chef ganz in Ordnung. Irgendwie hatte er die Sache mitbekommen. Wahrscheinlich hatte Frau Kattler, unsere Sekretärin, gequatscht. Mit strahlendem Gesicht, so ist Herr Bramhoff eben, kommt er zwei Tage später auf mich zu und sagt: "Mensch, Herr Wintersohl! Toll! Dann gewinnen Sie mal wieder!" - "Herr Bramhoff, wir sind nur nominiert. Gewinnen tun wir nix!" - "Ach, Herr Wintersohl! Das klappt schon!" So ist er eben, mein Chef. Hätte ich doch die Finger von der Sache gelassen. Nämlich eins ist doch klar: Wenn ich am 29. November morgens in die Schule komme mit leeren Händen, dann sind alle enttäuscht und sagen sich: doch nur Aufschneider, die von Radio LLG.
Es ist der 26. November 2010, der Tag der Preisverleihung. Morgens im Radiounterricht sehe ich es schon: Alisa, Luca, Fritz und Philipp haben sich fein gemacht. Wir gehen gemeinsam in die Sprecherkabine, betrachten die Trophäe vom letzten Jahr - ein bisschen verstaubt natürlich - und Fritz sagt: "Herr Wintersohl, ab Montag stehen da zwei von den Dingern!" - "Fritz, halt die Klappe, das wird nix!" murmele ich resigniert vor mich hin.
14.00 Uhr. Wir machen uns auf den Weg zur Preisverleihung nach Recklinghausen. Freitagnachmittag, 23 km Stau! Kommen so gerade noch rechtzeitig an. Werden von Herrn Sander von der Landesmedienanstalt begrüßt: "Gut, dass Sie da sind! Dann können wir ja auch bald anfangen." Sollten wir vielleicht doch...?
Wir machen es uns aber auf jeden Fall zuerst mal im Festsaal gemütlich.
Und dann geht es eigentlich recht schnell. Zuerst kommen die anderen Kategorien. Wir sind mal wieder bei der Preisverleihung ganz am Schluss dran. Die Nominierten werden genannt. Und dann?
Am Montag stehen da zwei von den Dingern. (Fritz Fromagot)
Déjà-vu! Wir haben den Bürgermedienpreis 2010 in der Altersgruppe 2 gewonnen: die Trophäe, 1000 Euro und eine Urkunde. Besonders stolz sind wir auf die Begründung der Jury:
"Die Radio-LLG-WM-Fußballshow: Wirklich grenzüberschreitend - nicht nur wegen der wortverdrehenden Straßeninterviews. Lustvoll werden hier sämtliche Fußball-Klischees über Männer, Frauen und unterschiedliche Nationen ausgekostet - und immer, wenn man denkt: 'Das kann doch nicht wahr sein!' werden eben diese Vorurteile dann wieder genüsslich ins Gegenteil verkehrt und auf den Kopf gestellt. Mehr als einmal rettet das einzige Mädchen die Ehre der gesamten Redaktion. Witzig gemacht, anarchisch und unterhaltsam - einfach gutes Radio!"
Mir persönlich gefällt "anarchisch" am meisten, erinnert mich so an früher, an meine Jugend am Landrat-Lucas-Gymnasium, als ich noch Schüler war.
Wir fahren nach der Preisverleihung natürlich nicht gleich nach Hause, sondern zuerst mal ins Studio. Die Trophäe soll nicht bis Montag warten müssen, sie soll sofort ihre neue Heimat kennenlernen. Und tatsächlich, Fritz hatte richtig getippt!